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Ungewöhnliches Sommergemüse: Nachtschattengemüse

Die Familie der Nachtschattengewächse hat bekanntlich einen recht zweifelhaften Ruf. Charakteristisch für diese Pflanzenfamilie ist nämlich ein hoher Giftgehalt. Umso erstaunlicher ist es da, dass einige der beliebtesten Gemüsesorten zu den Nachtschattengewächsen gehören. Die Rede ist von Nachtschattengemüse.

 

Mehr als nur Paprika und Tomaten

Seit ihrer Einführung nach Europa zwischen dem späten 15. und frühen 16. Jahrhundert sprießt Nachtschattengemüse in europäischen Gärten munter vor sich hin. Das allerdings vorzugsweise im Sommer. Denn das Gemüse benötigt ein hohes Maß an Wärme und Sonne, stammt es doch überwiegend aus tropischen Breitengraden.

Berühmt und beliebt ist vor allem Nachtschattengemüse aus Amerika. Dort entdeckte Christoph Kolumbus auf den Westindischen Inseln seinerzeit zunächst scharfe Früchte, mit denen die indigenen Völker Amerikas ihre Speisen zu würzen wussten. Unnötig zu erwähnen, dass es sich hierbei um die scharfen Sorten von Paprika, besser bekannt als Chilis und Habaneros handelte.

 

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Das farblich und geschmacklich vielseitigste Nachtschattengemüse überhaupt: Paprika (Capsicum) | © Das Grüne Archiv

Von scharfen Gewürzen und exotischem Gemüse

Bei der Benennung von Paprika kam es anfangs zu zahlreichen Missverständnissen. Kolumbus glaubte wohl, dass es sich bei seinen scharfen Gewürzsorten um Arten des aus Asien stammenden Pfeffers handelte. So erhielt Paprika seinen Beinahmen „Spanischer Pfeffer“. Eine Referenz zur Herkunft der ersten spanischen Seefahrer, die Chiligewürz aus Amerika mitbrachten. Und auch Cayennepfeffer ist in Wahrheit kein wirklicher Pfeffer, sondern ein Gewürz, das aus gemahlenen Chilis hergestellt wird.

Allerdings blieben diese feurig-scharfen Früchtchen nicht das einzige Nachtschattengemüse, das europäische Entdecker aus Amerika importierten. Auch Tomaten und sogar die vermeintlich deutsche Kartoffel stammen aus der Neuen Welt.

Ebenfalls in Amerika beheimatet sind Nachtschattenfrüchte wie die Kapstachelbeere und die Tomatillo. Es handelt sich hierbei um zwei Beerenfrüchte aus der Gattung der Blasenkirschen, besser bekannt als Physalis. Sie sind daher eng verwandt mit der Lampionblume.

 

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Das exotische Highlight auf dem Früchteteller: die Kapstachelbeere alias Peruanische Blasenkirsche (Physalis peruviana) | © Das Grüne Archiv

Nachtschattengemüse aus Asien

Die Behauptung, dass Kolumbus die Entdeckung von Amerika zuzuschreiben sei, ist bekanntlich nicht korrekt. Tatsächlich landete schon 500 Jahre vor ihm der Isländer Leif Erikson mit seinen Wikingern an der nordamerikanischen Küste an. Noch früher, etwa vor 15.000 Jahren, erfolgte die Besiedelung Amerikas durch asiatische Siedler über die damals zugefrorene Beringstraße.

Asien ist mit Blick auf Nachtschattengemüse ohnehin sehr interessant. So wird die Aubergine beispielsweise schon seit über 4.000 Jahren in Asien angebaut. Die Goji-Beere wiederum ist ein altes TCM Kraut und höchstwahrscheinlich in China zuhause.

Apropos Beeren: Am Nachtschattengemüse zeigt sich, wie problematisch der Begriff „Gemüse“ sein kann, wenn es um die Abgrenzung von Obst geht. Denn sowohl bei Paprika, als auch bei Tomaten, Physalis und Auberginen handelt es sich streng genommen um Beerenfrüchte.

 

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Man sieht es ihr vielleicht nicht an, doch sie ist eine Beere: die Aubergine (Solanum melongena) | © Das Grüne Archiv

Die Schattenseite von Nachtschattengemüse

Experten zufolge leitet sich der Name der Nachtschattengewächse von dem mittelalterlichen Begriff Nachtschaden für „Albtraum“ ab. Damals forschte man intensiv daran, welche Auswirkung die Gewächse auf den menschlichen Schlaf haben.

Man geht heute davon aus, dass Nachtschattengewächse im Volksglauben entweder dafür verantwortlich gemacht wurden, mit ihrem strengen Geruch Albträume zu befördern, oder aber diese zu vertreiben. Ganz so harmlos ist die Sachlage bei Nachtschattengewächsen leider nicht. Denn wer hier die falschen Pflanzenteile verzehrt, dem ist der ewige Schlaf gewiss.

 

Giftigkeit von Nachtschattengemüse

Besonders gerne wurden Nachtschattengewächse im Altertum mit Zauberei in Verbindung gebracht. Das gilt vor allem für die

  • Tollkirsche,
  • Alraune und
  • den Schwarzen Nachtschatten,

die alle drei als Zauberpflanzen bekannt sind. Zauberpflanzen mit tückischer Wirkung wohlgemerkt. Denn charakteristisch für Nachtschattengewächse ist ein hoher Gehalt an Solanin im Großteil ihrer Pflanzenteile.

Nachtschattengemüse bildet hier keine Ausnahme. Zwar mögen die Früchte (im Falle der Kartoffel die Wurzelknollen) dieser Gemüsesorten essbar sein, der Rest ihrer Pflanzenteile ist dagegen aber hochgiftig. Eine Überdosis kann zu ernsten Vergiftungserscheinungen führen, die von Übelkeit und Erbrechen bis hin zu Atemlähmungen, Nervenlähmungen, Herz-Kreislauf-Störungen, Darm- und Nierenblutungen reichen. Als tödlich gilt dabei eine Solanin-Dosis von 400 mg.

Achtung: Kartoffeln enthalten von Natur aus etwa 7 mg Solanin pro 100 g, wobei der Gehalt in neueren Sorten dank gezielter Züchtung niedriger ist. Allerdings nimmt der Gehalt an Solanin durch zu helle Lagerung der Kartoffeln sowie nach Austreiben der Wurzeln zu, weshalb man das Knollengemüse dann nicht mehr essen sollte.

 

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Reich an Stärke und Mineralstoffen, bei unsachgemäßer Lagerung aber auch an Solanin: die Kartoffel (Solanum tuberosum) | © Das Grüne Archiv

Das toxische Paradoxon: Nachtschatten

Stammgattung der Nachtschattengewächse und auch des Giftes Solanin ist der namensgebende Nachtschatten alias Solanum. Allerdings gibt es selbst bei diesem giftigsten aller Nachtschattengewächse Arten, die als Nachtschattengemüse genutzt werden. Denn sowohl die Aubergine, Tomate und Kartoffel als auch die Tamarillo oder Baumtomate und die Pepino-Melone gehören zur Gattung des Nachtschattens.

Während man die Früchte ihrer Artverwandten, Schwarzer Nachtschattens und Bittersüßer Nachtschattens, auf keinen Fall verzehren sollte, wenn einem das eigene Leben lieb ist, kann man die Früchte der genannten Nachtschattengemüse-Sorten ohne Bedenken essen. Es ist aber dennoch ratsam, nur reifes Gemüse zu essen, um höhere Konzentrationen schädlicher Inhaltsstoffe zu vermeiden.

 

Unverträglichkeit von Nachtschattengemüse

Der Ruf von Gemüsesorten aus der Familie der Nachtschattengewächse hat in den letzten Jahren stark gelitten. Einige Studien kamen zu dem Schluss, dass Nachtschattengemüse als Trigger für chronische Magen-Darm-Erkrankungen eine Rolle spielen kann, darunter:

  • Magen-Darm-Entzündungen
  • Reizdarmsyndrom
  • Leaky-Gut-Syndrom

Auch Personen mit Lebensmittelallergien und Histaminunverträglichkeit wird gemeinhin davon abgeraten, Nachtschattengemüse zu verzehren, um allergische Reaktionen und Verdauungsbeschwerden zu vermeiden. Dabei ist Fruchtgemüse wie Tomaten und Paprika häufig problematischer als etwa Kartoffeln.

 

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Eine echte Vitamin- und Mineralstoffbombe, die unter den Nachtschattengemüse-Sorten aber auch als häufigster Trigger für Unverträglichkeiten und Allergien gilt: die Tomate (Solanum Lycopersicum) | © Das Grüne Archiv

Verantwortlich für diese unerwünschten Gesundheitsbeschwerden sollen neben Alkaloiden wie Solanin auch Proteine aus der Gruppe der Lektine sein. Beide Stoffgruppen dienen Nachtschattengewächsen als Fraßschutz, der offenbar auch bei Menschen mit sensiblem Stoffwechsel effektive Wirkung zeigt.

Wissenswertes: Insbesondere Tomatenpflanzen sondern bei Stress einen für manche unerträglichen Geruch ab. Ein weiterer Pflanzenschutzmechanismus, der von den aromatischen Drüsenhärchen an den Stängeln und Blättern der Pflanzen herrührt. Für manche Menschen reicht dieser Geruch bereits aus, um eine tiefe Abneigung gegen Tomaten zu entwickeln. Der Fraußschutz funktioniert also.

 

Nachtschattengemüse – Das Licht im Dunkel

Nun weisen Mediziner wie Ernährungsexperten aber auch darauf hin, dass aus Nachtschattengemüse mitunter medizinisch wertvolle Wirkstoffe gewonnen werden, so zum Beispiel Atropine und Hycoscyamine. Außerdem enthält Nachtschattengemüse große Mengen gesunder Vitamine und Mineralstoffe, die alles andere als gesundheitsschädlich sind. Was ist also dran an dem Gerücht, dass die essbaren Nachtschattengewächse ungesund seien?

 

 

Verzehrmenge macht den Unterschied

Die Tatsache, dass es sich bei Nachtschattengemüse überwiegend um Sommergemüse handelt, kommt nicht von Ungefähr. Auch wenn es der Name von Nachtschattengemüse anders vermuten lässt, handelt es sich hier um äußerst lichthungrige Gemüsesorten. Wie bereits erwähnt, lassen sie sich deshalb in gemäßigten Breitengraden allenfalls im Sommer kultivieren und ernten, da dann die klimatischen Bedingungen für die Kultur passen.

Dementsprechend aß man Nachtschattengemüse früher auch nur im Sommer. Den Rest des Jahres hatte der Körper genügend Zeit um die verhältnismäßig kleinen Mengen an potentiell problematischen Inhaltsstoffen abzubauen. Heute ist das anders. Ein ganzjähriges Überangebot an exotischem Sommergemüse im Handel führt dazu, dass wir Nachtschattengemüse immer öfter außerhalb seiner Saison essen.

Das kann langfristig durchaus zu Magen-Darm-Irritationen sowie der Entstehung von Unverträglichkeiten und Allergien beitragen. Und gerade Europäer, die Nachtschattengemüse bis heute als Importgemüse weniger gewohnt sind, gehören zur Risikogruppe. Um dem vorzubeugen, ist es folglich ratsam, das Sommergemüse wie andere Gemüsesorten auch als Saisongemüse zu behandeln und nur in den Sommermonaten zu verzehren.

 

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Nachtschattengemüse bedeutet bunte und gesunde Vielfalt, die man am besten aber nur im Sommer genießt und dann idealerweise in Bio-Qualität | © Das Grüne Archiv

Nachtschattengemüse aus Bio-Anbau ist gesünder

Ebenfalls nicht vergessen darf man bei Nachtschattengemüse, dass es im Zuge des kommerziellen Anbaus häufig mit gesundheitsschädlichen Pestiziden behandelt wird. Gerade Tomaten und Paprika sind äußerst anfällig für Blattläuse und Pflanzenkrankheiten, weshalb Lebensmittelbetriebe hier recht systematisch die chemische Keule auspacken.

Es ist kein Geheimnis, dass es in Sachen Spritzmitteln selten bei Rückständen auf der Fruchtschale bleibt. Über den Kulturboden gelangen die Chemikalien auch ins Innere der Pflanze und somit ins Fruchtfleisch. Zahlreiche Autoimmunerkrankungen, ebenso wie diverse Lebensmittelunverträglichkeiten und Allergien, entpuppen sich schlussendlich oft als Unverträglichkeitsreaktionen auf chemische Pflanzenschutzmittel.

Vorbeugen kann man dem einerseits durch gründliches Waschen von Gemüse vor der Verarbeitung. Andererseits aber auch durch den eigenen Anbau von Nachtschattengemüse ohne chemische Pestizide. Und auch Bio-Gemüse aus kontrolliertem Anbau ist eine gute Alternative. Im Großen und Ganzen lässt sich abschließend sagen, dass Nachtschattengemüse häufig besser ist als sein Ruf, wenn man es denn saisonal sowie in Maßen genießt und auf ausreichende Produktqualität achtet.

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