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Weihrauch, Boswellia, Boswellienharz, Wirkung

Weihrauch – Wirkung, Anwendung und Geschichte

Der auch als Boswellienharz, Olibanum oder Thus bekannte Weihrauch ist zweifelsohne das Ritualräucherwerk schlechthin. Anwendung findet das Baumharz in zahlreichen Kulturen und Religionen. Das allerdings nicht nur zu rituellen Zwecken.

Die Geschichte des Weihrauchs

Boswellienharz ist ein pflanzliches Gummiharz und wird aus der Baumrinde von Arten der Boswellie (Boswellia) gewonnen. Dabei handelt es sich um einen Vertreter der Balsambaumgewächse. Das Wort „Balsam“ im Namen dieser Pflanzenfamilie deutet bereits darauf hin, dass das Harz des Duftgehölzes Boswellia früher eine besondere Bedeutung in der rituellen Balsamierung und Salbung hatte.

 

Der aromatische Schatz der Weihrauchstraße

Sei es die Krönung und Bestattung von Königen des Altertums, die Anrufung von Gottheiten oder das Zauberwirken von Magiekundigen – Weihrauch wird in spirituellen Kreisen hochverehrt. Die Ägypter assoziierten die Harzperlen des Boswellienbaums sogar mit dem Schweiß der Götter. Für die Gewinnung von Boswellienharz werden dabei vorrangig vier Boswellien-Arten verwendet:

  • Arabischer / Somalischer Weihrauch (Boswellia sacra)
  • Äthiopischer Weihrauch (Boswellia payrifera)
  • Elemi-Weihrauch (Boswellia frereana)
  • Indischer Weihrauch (Boswellia serrata)

 

Boswellia, Boswellienbaum, Oman, Mauro Raffaelli
Alter Boswellienbaum an der Weihrauchstraße im Oman | © Mauro Raffaelli

Der Gattungsname der Boswellien ehrt den schottischen Mediziner und Botaniker John Boswell, der sich während seiner Schaffenszeit wohl ausführlich mit den heilsamen Eigenschaften von Boswellienharz beschäftigt. Allerdings stammen Arten der Boswellia natürlich nicht aus Schottland. Die auch als Salibaum bekannte Indische Boswellie ist namensgemäß in Indien heimisch, wo er in der Ayurveda-Medizin sowie zu verschiedenen Festriten im Hinduismus und Buddhismus genutzt.

Die übrigen Boswellien-Arten stammen maßgeblich aus den trockenen Tropen der Arabischen Halbinsel und aus süd- bzw. südostafrikanischen Ländern wie Äthiopien, Eritrea, Somalia und dem Sudan. Von dort wurde Olibanum bereits in der Antike in das Reich der Pharaonen exportiert. Speziell auf der Arabischen Halbinsel zeugt die historische Weihrauchstraße, die bereits vor gut 3.000 Jahren von Oman über den Jemen, Hedschas und Gaza bis nach Damaskus verläuft, nach wie vor von der Kostbarkeit dieses antiken Handelsgutes.

Diesbezüglich wurde die genaue Herkunft des Weihrauchs während seiner Reise über die Weihrauchstraße lange Zeit geheim gehalten. Transportkarawanen wurden streng bewacht, um mögliche Diebe abzuschrecken. Interessant ist an der Route dabei vor allem, dass im Gebiet von Hedschas mit Mekka und Medina die beiden wichtigsten rituellen Kultstätten der islamischen Kultur liegen, die den Einsatz von Boswellienharz in der Antike bedeutend mitgeprägt hat.

Auch die sagenumwobene Felsenstadt Petra im Jemen liegt direkt an der Weihrauchstraße. Die Hauptstadt des Nabatäerreiches galt als wichtiger Handelspunkt für Olibanum und verweist mit ihrem ausgeprägten Grabtempelkult nach wie vor auf ein ganz besonderes Anwendungsgebiet des Boswellienharzes: den Totenkult.

 

Weihrauch, Boswellienharz, Weihrauchöl, Wirkung
Mehr als nur ein rituelles Räucherharz: Boswellienharz besitzt eine unglaublich desinfizierende Wirkung, die selbst Leichenkeimen den Garaus macht.

Von Leichenbalsam und heiligen Riten

Schon die alten Ägypter schätzten die desinfizierenden und antimikrobiellen Eigenschaften des Boswellienharzes und nutzten es neben rituellen Zwecken vor allem zur Herstellung von Leichenbalsam. Dass viele Mumien bis heute so gut erhalten blieben, liegt also auch an den konservierenden Inhaltsstoffen von Weihrauch, die Leichenkeime abtöten und Mumien damit vor dem Verfall schützen.

Allerdings war das Reich der Pharaonen nicht das einzige Land, das Olibanum in der Antike zu rituellen Zwecken einzusetzen wusste. Auf der Arabischen Halbinsel deuten verschiedene Schriften, Gemälde und Gefäßgravuren darauf hin, dass Boswellienharz wohl schon vor gut 5.000 Jahren als Opfergabe und Mittel zur Weihe in Gebrauch war. Die Königin von Saba, ihres Zeichens Herrscherin von Äthiopien um 1000 v. Chr., soll ihrem Geliebten König Salomo eine ganze Schiffsladung Äthiopischen Weihrauch nach Jerusalem entsandt haben.

In diesem biblischen Zusammenhang sei Weihrauch natürlich auch als einer der drei Geschenkschätze nicht vergessen, die Jesus Christus laut biblischen Texten von den drei Weisen aus dem Morgenland zur Feier seiner Geburt überbracht wurden. Der Weihrauchschwenker gehört diesbezüglich noch heute zum festen Ritualwerkzeug in christlichen Kirchen der ganzen Welt. Er dient sowohl der rituellen Einleitung einer Messe als auch der Weihe, der Fürbittenansprache und der symbolischen Darbringung von Opfergaben. Hieran wird auch die Schutzfunktion von Boswellienharz im Ritualbereich deutlich.

 

Weihrauch, Boswellienharz, Olibanum
Der (aromatische) Schweiß der Götter: Rituale zur Weihung und Segnung verliehen dem Weih-Rauch seinen Namen.

Medizinische Anwendung von Boswellienharz

Die gute antibakterielle und antivirale Wirkung von Boswellienharz blieb den Medizingelehrten der Antike nicht verborgen. Im antiken Griechenland bürgerte es sich früh ein, Krankenzimmer mit Weihrauch zu reinigen. Auch der bekannte persische Arzt Avicenna erwähnte das Harz des Boswellienbaums als wertvolles Arzneimittel. Er empfahl die innere Anwendung der Harzperlen zur Förderung der geistigen Leistungsfähigkeit.

Pedanios Dioskurides, der Urvater der Pharmakologie widmete der Anwendung von Boswellienharz, -rinde, -rauch und -ruß in seiner „Materia Medica“ mehre Seiten und beschreibt Olibanum wie folgt:

„[…] Er hat die Kraft zu erwärmen, zu adstringieren, die Verdunkelungen der Pupillen zu vertreiben, die hohlen Stellen der Wunden auszufüllen und diese zu vernarben, blutige Wunden zu verkleben, jeden Blutfluss, auch den aus dem Gehirn, zurückzuhalten. Zerrieben und mit Milch auf Charpie gestrichen, besänftigt er die bösartigen Geschwüre um den After und die übrigen Theile; auch vertreibt er, mit Essig und Pech aufgestrichen im Anfange die Warzen und Flechten. […]“

Weiterhin beschreibt Dioskurides die Herstellung von Weihrauchsalben zur Behandlung von Narbengewebe und Grind, Ohrenverletzungen und Entzündungen der Brüste. Es handelt sich bei Boswellienharz also um ein antikes Wundheilkraut. Nach Dioskurides benannt ist diesbezüglich Boswellia dioscoridis – eine endemische Boswellien-Art, die ausschließlich auf der jemenitischen Inselgruppe Sokotra vorkommt.

Dieser Brauch setzte sich auch im Mittelalter fort, als schwere Infektionskrankheiten wie die Pest grassierten. Lange bevor es pharmazeutisches Antibiotikum gab, nutzte man Weihrauchpulver für desinfizierende Wundumschläge und Heilpflaster. In der Moderne gewann dagegen die Aromatherapie mit Boswellienharz gegen Atemwegsinfektionen mehr an Bedeutung.

 

Wunderlampe, Räuchergefäß
Übrigens: Bei Aladins Wunderlampe handelte es sich wahrscheinlich um ein prunkvolles Räuchergefäß, in dem Räucherharze wie Weihrauch verbrannt wurden. Die Assoziation zu einem Djin, der die Lampe beseelt, verweist auf die leicht psychoaktive Wirkung des Boswellienharzes, der man früher die Kraft zuschrieb, eine Kommunikation mit Göttern und Geistern zu erwirken.

Inhaltsstoffe und Wirkung von Weihrauch

Balsambaumgewächse verdanken ihren Namen, ebenso wie ihr medizinisches Heilungspotential ihrem reichen Gehalt an Balsamstoffen. Zu diesen gehören neben ätherischen Ölen auch Schleimstoffe, Proteine und verschiedene Pflanzensäuren. Die Zusammensetzung der Hauptinhaltsstoffe gestaltet sich dabei wie folgt:

  • Ätherische Öle (bis zu 9 %)
  • Boswelliensäure (bis zu 16 %)
  • Harz (bis zu 70 %)
  • Schleimstoffe (20 %)

 

Das ätherische Öl des Boswellienharzes setzt sich primär aus Terpenen zusammen, von denen man viele auch aus anderen ätherischen Pflanzenölen wie dem des Eukalyptus oder der Wacholder kennt. Sie sind für die antibiotischen und antiviralen Eigenschaften von Weihrauch entscheidend und gestalten zudem auch dessen Duft mit. Dieser lässt sich als süßlich-schwer und leicht zitronig beschreiben, wobei die dezente Zitronennote von dem Inhaltsstoff Limonen herrührt.

Schleimstoffe wirken wiederum beruhigend, entzündungshemmend und feuchtigkeitsspendend auf die Haut und Schleimhäute. Und auch die pflanzeneigenen Boswelliensäuren wirken gut gegen Entzündungen. Sie werden medizinisch in der Behandlung von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa eingesetzt.

Ebenfalls erwähnenswert ist das Diterpen Incensol, das Boswellienharz seinen englischen Namen „Frankincense“ sowie Räucherwerk als Sammelbegriff den englischen Namen „Incense“ verlieh. Das Incensol wirkt antidepressiv und angstlösend, was die Bedeutung von Boswellienharz als Schutzkraut, Ritualkraut für Bannzauber und buchstäblichem Seelenbalsam erklärt. Insgesamt lassen sich folgende Inhaltsstoffe des Weihrauchs festhalten:

  • Boswelliensäuren
  • Borneol
  • Campher
  • Cymol
  • Dipenten
  • Eugenol
  • Incensol
  • Limonen
  • Lupansäuren
  • Mycren
  • Pinen
  • Schleimstoffe
  • Thujen
  • Tirucallensäuren
  • Verbenol

 

Weihrauch, Räucherschale
Die klassische Variante: Das Räuchern mit Weihrauch in der Räucherschale hat seit Jahrtausenden Tradition.

Mit Weihrauch richtig räuchern

Weihrauch gibt es sowohl als Räucherharz als auch in Form von Räucherstäbchen und Duftöl. Die Harzvariante ist jedoch am häufigsten gebräuchlich. Um Boswellienharz zur Aromatherapie oder zu rituellen Zwecken zu verbrennen, benötigt man entweder einen Räucherofen, Räucherbrenner, eine Räucherschale oder eine Duftlampe.

 

Räuchern im Räucherstövchen oder der Räucherschale

Es gibt zwei verschiedene Arten, um Boswellienharz zur Aromatherapie zu verwenden. Das Verbrennen im Räucherstövchen oder der Räucherschale ist dabei die traditionelle Variante und funktioniert im Grunde wie das Weihrauchfass in der Kirche. Hierzu werden ein paar Harzkrümel auf ein Stück Räucherkohle gegeben.

Die Räucherkohle wird zuvor mit Feuer erhitzt. Das kann zum Beispiel mit einem Feuerzeug oder einem Teelicht erfolgen. Abschließend legt man sie auf die feuerfeste Auflage des Räucherstövchens. Bei Verwendung einer Räucherschale liegt das Kohlestück normalerweise auf Sand.

Der Nachteil an dieser Variante ist allerdings die hohe Rauchentwicklung. Sie verursacht einiges an Rußpartikeln und Rauchstoffen in der Luft, was für die Atemwege auf Dauer nicht gesund ist. Das Verbrennen auf Räucherkohle sollte daher eigentlich nur in sehr großen Räumen, Hallen oder im Freien stattfinden. Nach dem Räuchern muss dazu regelmäßig gelüftet werden.

 

Räuchern im Räucherbrenner oder der Duftlampe

Die zweite Variante des Räucherns mit Boswellienharz ist etwas moderner. Hierzu wird ein Weihrauchbrenner verwendet. Dieser ist mit einem Teelicht und einem Sieb zum direkten Auflegen des Räucherharzes ausgestattet. Für die Atemwege ist diese Methode deutlich gesünder, da er im Grunde wie eine Duftlampe funktioniert und das Boswellienharz sehr schonend und langsam verbrennt.

Alternativ dazu kann man natürlich auch ätherisches Weihrauchöl in der Duftlampe erhitzen. Dies ist eine besonders schonende Methode zum Räuchern. Ebenso ist sie etwas preiswerter, da man weder Kohle noch teures Harz dafür kaufen muss. Das nostalgische Gefühl des traditionellen Räucherns bleibt dann aber aus.

Tipp: Man kann auch ein paar Weihrauchkrümel ins Wasser der Duftlampe geben. Die ätherischen Öle des Harzes vermischen sich dann mit dem Wasser und werden als ätherischer Wasserdampf an die Luft abgegeben.

 

 

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