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Beifuß, Wermut und Estragon: Das Kräuter-Trio der Artemisia

Ob in Verdauungsschnäpsen, als Gewürz für deftige Hausmannskost oder als heilpflanzliche Arznei gegen Entzündungen und Infektionen. Kräuter der Gattung Artemisia sind in ihrer Anwendung äußerst vielseitig. Die drei wichtigsten Artemisia-Arten sind dabei gewiss Beifuß, Wermut und Estragon. Das Kräuter-Trio gehört zu den ältesten Heilpflanzen der Welt und hat sich sowohl in der allgemeinen Naturheilkunde als auch in der Frauenheilkunde einen Namen gemacht. Trotz ihrer engen Artverwandtschaft sollte gerade mit Blick auf die Wirkung der drei Kräuter aber sorgfältig unterschieden werden.

 

Besonderheiten von Beifuß, Wermut und Estragon

Auch wenn Beifuß, Wermut und Estragon zur selben Pflanzengattung gehören, unterschieden Sie sich schon rein optisch stark voneinander. Während der Beifuß spitz zulaufende Fiederblätter besitzt, sind die tief gekerbten Blattspreiten des Wermuts stark gelappt. Der Estragon besitzt gar länglich-elliptische Blätter, die mitunter auch dazu neigen, sich leicht zu kräuseln.

Noch deutlicher fallen die Unterschiede aus, wenn man sich die Wirkung der drei Artemisia-Kräuter etwas genauer ansieht. Zwar besitzen alle drei Heilkräuter die gleichen Ausgangsstoffe, doch der Gehalt der jeweiligen Wirkstoffe schwankt von Art zu Art, was letztendlich auch Auswirkungen auf die individuelle Wirkungsweise der Artemisia-Arten hat.

Artemisia Arten wie Beifuß, Wermut und Estragon sind nicht nur in Europa heimisch. Auch in Asien und Afrika hat das Kräuter-Trio eine lange Anwendungsgeschichte. Vor allem im alten Ägypten sind Kräuter der Gattung Artemisia zudem meist wichtigen Göttinnen geweiht, was ihre Bedeutung für die Frauenheilkunde verdeutlicht. In Asien sind die Artemisia Arten darüber hinaus klassische Heilkräuter medizinischer Disziplinen wie Ayurveda oder der Traditionellen Chinesischen Medizin.

 

Das Mutterkraut der Jagdgöttin: Beifuß

Als Stammart der Gattung Artemisia ist der Beifuß (Artemisia vulgaris) das wohl berühmteste der Artemisia-Kräuter. Laut Legende soll die griechische Göttin der Jagd, des Mondes und der Mutterschaft Artemis das Kraut den sterblichen Frauen zum Geschenk gemacht haben. Und tatsächlich ist Beifuß für die Frauenheilkunde bis heute von unschätzbarem Wert.

 

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Die Mutter aller Heilkräuter: Beifuß | © Das Grüne Archiv

Inhaltsstoffe und Wirkung von Beifuß

Der Beifuß trägt Beinamen wie Mutterkraut Hebammenkraut oder Frauenkraut nicht umsonst. Schon seit der Antike wird Artemisia vulgaris bei

  • Menstruationsbeschwerden,
  • Wechseljahrsbeschwerden,
  • Blasenentzündung,
  • Unfruchtbarkeit,
  • Gebärmutterkrämpfen und
  • zur Einleitung der Geburt

angewandt. Und auch als Gewürz in der Küche, etwa zum Würzen von Gänsebraten, Suppen oder Gemüsebeilagen, findet Beifuß gelegentlich Verwendung. Da er reich an Bitterstoffen ist, regt er die Magen- und Gallensaftproduktion an, was der Verdauung insbesondere nach dem Verzehr fettiger Speisen hilft.

Die traditionelle Darreichungsform ist jedoch der Beifuß-Tee, wobei man pro Tasse etwa 1 TL Beifuß aufgießt. Von diesem Teesud können je nach Schwere der Beschwerden bis zu 3 Tassen täglich getrunken werden.

Wichtig: Artemisia vulgaris wirkt sehr stark, weshalb eine Anwendung maximal 6 Wochen am Stück erfolgen sollte.

Zu den wichtigsten Wirkstoffen im Beifuß gehören neben Gerb- und Bitterstoffen sogenannte Sesquiterpene. Die Terpenderivate sind für ihre entzündungshemmende und desinfizierende, aber auch krampflösende, antirheumatische, beruhigende, migränehemmende und sogar antitumorale Wirkung bekannt. Das beifußeigene Sesquiterpenlacton Artemisin ist diesbezüglich seit Beginn des 20. Jahrhunderts zur Behandlung von Malaria in Gebrauch.

Zahlreiche Sesquiterpene und ihre Derivate gehören zu den pflanzlichen Hormonen. Diese Phytohormone können im Falle hormoneller Beschwerden auch im menschlichen Körper als Ersatzhormone eingesetzt werden. Die Sesquiterpenderivate des Beifußes werden hierbei häufig als pflanzliches Östrogen zur Behandlung von Menstruations- und Wechseljahrsbeschwerden genutzt.

 

Das Liebeskraut der Fruchtbarkeitsgöttin: Wermut

Der ägyptischen Liebes- und Fruchtbarkeitsgöttin Bastet geweiht ist der Wermut (Artemisia absinthium). Die göttliche Dame ist Tochter des Sonnengottes Ra und tritt in der ägyptischen Mythologie meist in Gestalt einer Katze oder weiblichen Feyline auf. Als Meisterin der Liebestränke sind Aphrodisiaka ihre Spezialität.

In diesem Zusammenhang kommen die Namensähnlichkeiten zwischen dem Artenzusatz des Wermuts absinthium (von altgriech. apsinthion für „Wermut“) und der Spirituose Absinth übrigens nicht von Ungefähr. Tatsächlich handelt es sich bei Artemisia absinthium nämlich um die Kardinalzutat des berühmten Absinths, der nicht nur als verbotener Trank der Liebenden, sondern auch als Inspirationselixier der Künstler und Poeten gilt.

 

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Die Grüne Fee: Wermut | © Das Grüne Archiv

Inhaltsstoffe und Wirkung von Wermut

Absinth wird nachgesagt, ein altes Aphrodisiakum zu sein, das Frauen die Sinne raubt und in Männern die Leidenschaft entfacht. Die „Grüne Fee“, wie die Wermutspirituose häufig genannt wird, zeichnet sich allerdings auch durch eine Kräuterrezeptur aus, die der von Verdauungsschnäpsen sehr ähnlich ist.

Neben Wermut finden sich in Absinth mit Anis und Fenchel nämlich noch weitere Verdauungskräuter. Speziell im Wermut ist es dabei der kräutereigene Bitterstoff Absinthin, der eine äußerst verdauungsfördernde Wirkung aufweist. Wermutextrakt und Wermutspirituosen werden darum oftmals ähnlich wie Magenbitter nach dem Essen getrunken, um die Verdauung anzuregen.

Auch Infektionskrankheiten und Entzündungen reagieren positiv auf eine Wermut-Behandlung. Bereits Hildegard von Bingen empfahl eine äußere Anwendung des Wermuts bei entzündlichen Wunden und Hauterkrankungen. 2007 fand eine deutsche Medizinstudie zudem heraus, dass Absinth dank Wermutextrakt selbst bei chronisch-entzündlichen Magen-Darm-Erkrankungen wie Morbus Crohn erfolgreich wirkt. Französische Militärärzte nutzen Absinth im 19. Jahrhundert gar, um Epidemien unter den Soldaten vorzubeugen.

 

Das Schutzkraut der Totengöttin: Estragon

Der Name des Estragons (Artemisia dracunculus) leitet sich je nach Quelle vom arabischen Wort tarhun, dem indischen Wort tarragon, dem lateinischen Wort draco oder dem griechischen Wort drakos ab. In allen drei Fällen lässt sich der Begriff mit „Drache“ übersetzen und verweist auf die ursprüngliche Nutzung des Krautes zur Behandlung von „Bissen des Drachen“, kurzum, Schlangenbissen.

 

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Das Drachenkraut: Estragon | © Das Grüne Archiv

Inhaltsstoffe und Wirkung von Estragon

Die tödliche Natur giftiger Schlangenbisse ist auch der Grund, weshalb Estragon im alten Ägypten als Zauberkraut der Isis galt. Die Göttin des Todes und der Wiedergeburt soll das Kraut mit einem Schutzzauber belegt haben, weshalb Estragon zu den traditionellen Opfergaben der Isis zählte.

Dass Artemisia drancunculus eine entgiftende Wirkung nachgesagt wird, liegt allen voran am pflanzeneigenen Aromastoff Estragol. Dieser ist Hauptbestandteil des ätherischen Öls von Estragon und besitzt eine

  • ausleitende,
  • antioxidative,
  • gefäßerweiternde,
  • harntreibende,
  • stoffwechselanregende,
  • durchblutungsfördernde
  • sowie magenschützende

Wirkung. Giftstoffe, ebenso wie freie Radikale und andere Köprerschlacken werden dank Estragon also gezielt aus dem Körper geschwemmt. Vor allem die entwässernde und harntreibende Wirkung des Estragons werden dabei bis heute zur Behandlung von Wassersucht, Ödemen, Gicht und Nierenträgheit eingesetzt.

Achtung: Das Estragol in Estragon kann bei Überdosierung erbgutschädigend und krebserzeugend wirken. Das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin empfiehlt deshalb, Estragon ausschließlich als Küchenkraut zu nutzen und hier nur sehr sparsam zu verwenden.

 

Anspruchslose Heilkräuter – Beifuß, Wermut und Estragon anbauen

Wer auf der Suche nach genügsamen winterharten Kräutern ist, der wird unter den Artemisia Arten garantiert fündig. Denn eines haben Beifuß, Wermut und Estragon bei all ihren Unterschieden dann doch gemeinsam. Alle drei Artemisia-Kräuter sind nämlich unglaublich pflegeleicht. Sie haben nur wenige Standortansprüche, kommen mit fast jedem Substrat zurecht, benötigen und wachsen dank einer hervorragenden Winterhärte von bis zu -25 °C auch mehrjährig im Garten.

 

Standort für Artemisia Arten

Wählen Sie zur Kultur am besten ein sonniges bis halbschattiges Plätzchen und pflanzen Sie die Kräuter in ein sandiges oder kiesiges Substrat. Ideale Gartenstandorte sind Kiesflächen oder Steingartenbeete. Doch auch eine Topfkultur ist bei ausreichender Kiesdrainage möglich. Der Boden-pH-Wert sollte mit 8 bis 10 Punkten im basischen Bereich liegen.

 

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Wilder Beifuß | © Das Grüne Archiv

Artemisia-Kräuter gießen und düngen

Da Beifuß, Wermut und Estragon frisch-feuchte Böden lieben, sollten Sie die Kräuter regelmäßig bewässern. Der Boden darf nie ganz austrocknen, da die Pflanzen ansonsten schnell eingehen. Nur im Winter ist das Gießen dann vorübergehend zurück zu fahren, da nass-kalter Boden die ansonsten sehr gute Winterhärte der Kräuter beeinträchtigen kann.

Gedüngt werden Artemisia-Kräuter mit organischem Dünger, zum Beispiel Kompost oder Spezialdünger für Kräuterpflanzen. Dabei reicht es aus, die Pflanzen einmal jährlich im Frühjahr zu Düngen.

 

Artemisia Arten schneiden und ernten

Pflanzentriebe, die von unten her verkahlen, können sie im Herbst bedenkenlos bodennah abschneiden. Die Pflanzen treiben über den Winter beziehungsweise im folgenden Frühjahr üppig neu aus.

Ernten können Sie Beifuß, Wermut und Estragon ganzjährig. Schneiden Sie hierzu vorwiegend die frischen Blätter und Triebspitzen für die Ernte ab. Frisch oder Getrocknet kann man die Kräuter dann entweder als Gewürzkräuter verwenden oder sie zur Herstellung von Kräuterauszügen wie Beifußtee oder Wermutextrakt verwenden.

2 thoughts on “Beifuß, Wermut und Estragon: Das Kräuter-Trio der Artemisia

  1. Hallo zusammen.
    Interessiert habe ich diesen Artikel gelesen und habe doch eine Frage.
    Was bedeutet einjähriger beifus. Muss ich diesen jedes Jahr neu säen?
    Mfg Martina Salig

    1. Hallo liebe Martina,

      Beim Einjährigen Beifuß handelt es sich um eine tropische bis subtropische Beifußart, die ihr natürliches Verbreitungsgebiet in ganzjährig warmen Klimazonen Eurasiens hat. Sie ist daher in Mitteleuropa nicht winterhart und muss, wie Sie bereits richtig vermutet haben, jedes Jahr neu ausgesät werden. Es gibt aber auch zahlreiche Beifußsarten, die bei uns mehrjährig im Freiland stehen können. Hierzu zählen zum Beispiel die in diesem Beitrag vorgestellten, medizinisch und kulinarisch genutzten Arten Gemeiner Beifuß, Wermut und Estragon.

      Liebe Grüße und viel Erfolg bei der Kräuterkultur,

      Das Grüne Archiv

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