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Myrrhe, Myrrheharz

Myrrhe – Wirkung, Anwendung und Geschichte

Gold, Weihrauch und Myrrhe waren die Gaben der drei Weisen aus dem Morgenland. Doch während Gold und Weihrauch nach wie vor jedem ein Begriff sind, wissen in Sachen Myrrhe nur Kenner von aromatischem Räucherwerk um ihre Wirkung. Zumindest die Medizin zieht inzwischen nach und entdeckt anhand von Forschungsprojekten die einzigartigen Heilkräfte von Myrrhenharz wieder.

 

Geschichte der Myrrhe

Weihrauch und Myrrhe sind eng miteinander verwandt. Die Bäume, die als Bezugsquelle für die aromatischen Gummiharze dienen, stammen gemeinsam aus der Familie der Balsambaumgewächse. Im Falle von Myrrhenharz ist das der Myrrhenbaum (Commiphora myrrha). Der Name des Duftgehölzes entstammt dem Aramäischen, wo mriro „bitter“ bedeutet. Er nimmt Bezug auf das leicht bittersüße Balsamaroma des Harzes, das insgesamt etwas schwer-würziger und herber ist als das des leicht zitronig riechenden Weihrauchs.

Wissenswertes: Noch heute findet sich dieses Lehnwort in der hebräischen Urform des Namens Maria, Miriam, wieder. Zusammen mit dem hebräischen Begriff jam für „Meer“ formt es hier das Wort „Meeresbitter“ oder „Meerestropfen“.

 

Myrrhestrauch, Commiphora myrrha
Fruchtreife am Myrrhebaum

Ein legendäres Räucherharz

Myrrhe oder Myrrha war seit jeher Stoff für Mythen und Legenden. Die Mutter der griechischen Sagengestalt Adonis, dem Geliebten der Göttin Aphrodite, soll sich während der Geburt ihres Sohnes in einen Myrrhebaum verwandelt haben. In diesem Zusammenhang sei auch das Adonisröschen erwähnt, das Aphrodite aus Adonis‘ Blut erwachsen ließ, nachdem er vom eifersüchtigen Kriegsgott Ares getötet wurde.

Ebenfalls bekannt ist die Bedeutung von Myrrha in der Bibel. Abgesehen von der Schenkung des Gummiharzes durch die Weisen aus dem Morgenland findet sich das Harz von Commiphora myrrha auch noch an anderen Bibelstellen. So wurde Jesus während seiner Kreuzigung zum Beispiel ein Schwamm zum Trinken dargeboten, der in mit Myrrhe vermischtem Wein getränkt worden war. Offenbar ein natürliches Schmerzmittel gegen die unerträglichen Leiden am Kreuz.

Auch als Salböl wurde Myrrha in der Bibel recht ausführlich beschrieben. Im zweiten Buch Mose (Exodus) heißt es hierzu:

„Nimm dir Balsam von bester Sorte: fünfhundert Schekel erstarrte Tropfenmyrrhe, halb so viel, also zweihundertfünfzig, wohlriechenden Zimt, zweihundertfünfzig Gewürzrohr 24 und fünfhundert Zimtnelken, nach dem Schekelgewicht des Heiligtums, dazu ein Hin Olivenöl, 25 und mach daraus ein heiliges Salböl, eine würzige Salbe, wie sie der Salbenmischer bereitet! Ein heiliges Salböl soll es sein.“

– 2.Mose 30,23-25

In Sachen rituelles Räucherwerk und Salbungsutensil stand Myrrhe dem Weihrauch also in nichts nach. Und auch die medizinische Anwendung gestaltete sich ähnlich.

 

Myrrhe, Myrrheharz
Das bitter-süße Harz des Commiphora myrrha | © Das Grüne Archiv

Nicht nur in Ägypten ein kostbarer Leichenbalsam

Der antimikrobielle Effekt von Myrrha war im Reich der Pharaonen schon vor gut 3.000 Jahren bekannt. Eine der Rezepturen für Leichenbalsam, in antiken Papyrusrollen „antiu“ genannt, soll auf Basis von Myrrhenharz hergestellt worden sein.

Zwar fanden Forscher 2023 anhand von Keramikgefäßen aus einer antiken Mumienwerkstatt in Sakkara heraus, dass es sich bei der später gebräuchlichen Variante von antiu eher um eine Mischung von Koniferenölen der Zeder, Wacholder und Zypresse handelte, doch das bedeutet nicht, dass Myrrha in früherer Zeit nicht als Leichenbalsam zum Einsatz kam. Vielmehr lässt sich daraus schließen, dass das Baumharz von Commiphora myrrha irgendwann schlichtweg zu teuer wurde.

Darauf verweist auch die Tatsache, dass das Gummiharz ähnlich wie Weihrauch von den Weisen aus dem Morgenland in seinem Wert mit Gold gleichgesetzt wurde. Die Zusammenstellung dieser drei Gaben verdeutlicht, dass es sich bei Gold, Weihrauch und Myrrhe zu Zeiten Jesu Christi um einige der kostbarsten Handelsgüter der bis dato bekannten Welt gehandelt hat.

 

Myrrhe, Myrrheharz, Myrrheöl
Übrigens: Neben dem klassischen Räucherharz gibt es Myrrhe auch als ätherisches Öl zu kaufen.

In diesem Zusammenhang sei auch eine Bibeltextstelle in Johannes 19,39 erwähnt. Hier wird davon berichtet, dass der wohlhabende Pharisäer Nikodemus hundert Pfund Aloe und Myrrhe zur Grablegung Jesu spendete. Dies wohl als Zutat für einen hochwertigen und deshalb heiligen Leichenbalsam.

Interessant an dieser Kombination mit Aloe ist, dass auch der berühmte persische Mediziner Avicenna eine Mixtur aus Myrrhenharz, Aloe und Safran beschrieb. Dabei handelte sich um das Rezept für die sogenannten Pestpillen des Mittelalters, die neben desinfizierenden auch fiebersenkende Eigenschaften besessen haben sollen. Sie wurden als eine Art Ur-Antibiotika eingesetzt, um sich vor einer Ansteckung mit dem Schwarzen Tod zu schützen.

 

Myrrhe, Myrrheharz, Myrrheöl
Ein hochwertiges Antibiotikum: Das ätherische Harzöl aus Commiphora myrrha wird inzwischen als Geheimwaffe gegen multiresistente Keime und sogar als pflanzliches Virostatikum gegen Covid-19 diskutiert.

Inhaltsstoffe und Wirkung der Myrrhe

Die altertümliche Anwendung von Myrrhe gegen Infektionen und Leichenkeime kommt nicht von ungefähr. Die antimikrobielle Wirkung von ätherischem Öl aus Commiphora myrrha wurde in der Vergangenheit mehrfach untersucht und wiederholt bestätigt. In diesem Zusammenhang plädieren zahlreiche Forscher sogar für die Anwendung des Gummiharzes in der Entwicklung neuartiger Antibiotika gegen multiresistente Keime.

Damit ist das medizinische Wirkspektrum von Myrrha aber noch nicht abgeschlossen. Ebenso besitzt das Harz einen antioxidativen, blutstillenden, entzündungshemmenden, krampflösenden und wundheilenden Effekt. Eingesetzt wird das Baumharz von Commiphora Myrrha dementsprechend bei Entzündungen der Haut und Schleimhäute, zur Wundbehandlung sowie gegen Darmkrämpfe. Eine klinische Studie zum Einsatz von Myrrhe bei Colitis ulcerosa bescheinigt dem Gummiharz zudem ein ausgezeichnetes Potential in der Behandlung von chronisch-entzündlichen Darmbeschwerden.

Zu verdanken sind diese vortrefflichen medizinischen Eigenschaften der des Harzes insbesondere seinen Sesquiterpenen. Diese machen einen Großteil des ätherischen Öls aus. Hinzu kommen stoffwechselanregende Polysaccharide sowie cholesterinsenkende Sterole. Hier die wichtigsten Inhaltsstoffe von Myrrha im Überblick:

  • Camphen
  • Copaen
  • Elemen
  • Limone
  • Myrcen
  • Pinen
  • Polysaccharide
  • Sterole

 

Myrrhe, Myrrheharz, Commiphora myrrha, Myrrheöl
Harz und Öl von Commiphora myrrha wirken sowohl gegen Infektionen, als auch gegen Entzündungen, Schmerzen, Wundblutungen und Krämpfe.

Anwendung von Myrrhe

Das Harz von Commiphora myrrha lässt sich mitunter sehr vielseitig anwenden. Sehr beliebt ist natürlich die Anwendung als Räucherwerk zu rituellen Zwecken oder als Raumduft. Daneben gibt es auch konkrete Anwendungsempfehlungen bei gesundheitlichen Beschwerden.

 

Anwendung als Räucherwerk

Um das Räucherharz von Commiphora myrrha als Räucherwerk zu verwenden, gibt es zwei Möglichkeiten. Einerseits lässt sich das Harz direkt in einem Räucherstövchen verbrennen, wobei es auf ein entzündetes Stück Räucherkohle gelegt wird. Die Kohle ist mit der in Shisha-Pfeifen identisch und sorgt dafür, dass Räucherharze kontrolliert verrauchen.

Andererseits gibt es die ätherischen Öle von Myrrha auch als Duftöl zu kaufen. Das Öl wird dann entweder in eine mit Wasser gefüllte Duftlampe oder einen Diffuser gegeben. Durch das Erhitzen des mit ätherischen Ölen angereichertem Wasser entsteht dann ein aromatischer Wasserdampf, der die Luft mit dem angenehmen Duft des Öls anreichert.

 

Anwendung als Naturheilmittel

Abgesehen von der Nutzung als Räucherharz oder Duftöl kann man Myrrhenharz auch direkt kauen. Das schmeckt dann namensgemäß zwar etwas bitter, bietet aber gerade bei Zahnfleischentzündung, Atemwegsinfekten und Magen-Darm-Beschwerden eine interessante und einfache Methode zur inneren Anwendung. Die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) empfiehlt in ihrer S3-Leitlinie zu Colitis ulcerosa außerdem:

„Eine Kombination aus Myrrhe, Kamillenblütenextrakt und Kaffeekohle kann komplementär in der remissionserhaltenden Behandlung eingesetzt werden.“

Eine Myrrhentinktur lässt sich ebenfalls gut als Bestandteil eines Mundwassers zum Gurgeln anwenden. Ergänzend ist sie gut zur Wundbehandlung und gegen oberflächliche Hautentzündungen. Am besten nutzt man die Tinktur hierfür zur Herstellung einer Salbe. Alternativ ist es auch möglich, das Harz direkt als Zutat für eine Salbe zu nutzen. Wer sich beim Erhitzen und Schmelzen des Harzes unsicher ist, nutzt stattdessen Myrrhenöl.

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