Hauswurz, Sempervivum, Kalk-Hauswurz, Sempervivum calcareum

Hauswurz – Wirkung, Standort und Kultur

Geht es um winterharte Sukkulenten für den Garten, steht die Hauswurz (Sempervivum) ganz oben mit auf der Liste. Die 0,5 bis 25 cm hohe Zwergstaude ist ein beliebter Bodendecker im Steingarten. Doch auch in herkömmlichen Blumenbeeten, auf Dächern oder in Steinritzen gedeiht die immergrüne Pflanze recht üppig. Dabei fasziniert Sempervivum nicht nur durch ihre artabhängig grünen oder roten Blattrosetten. Denn auch die Heilwirkung der Hauswurz ist beeindruckend.

 

Eine alte Heil- und Zauberpflanze

Die Hauswurz hat in der alten Volksheilkunde viele Namen. Das gilt vor allem für die Dach-Hauswurz (Sempervivum tectorum), die früher zum Schutz vor Blitzeinschlägen auf Hausdächer gepflanzt wurde. Karl der Große erließ hierzu in seiner Landgüterverordnung Capitulare de villis um 750 n. Chr. sogar ein Gesetz zur Hauswurzpflanzung mit dem Wortlaut:

“ […] et ille hortulanus habeat super domum suam Jovis barbam“

„[…] und jeder Gärtner soll auf seinem Dach Jupiterbart haben“

 

Namen wie Jupiterbart und Donarbart weisen darauf hin, dass die Dach-Hauswurz dem griechischen beziehungsweise germanischen Donnergott geweiht war. Eine Pflanzung sollte demnach den Schutz der beiden Götter erbitten. Weitere Namen, die auf diesen Volksbrauch zurückgehen sind Donnerkopf, Donnerkraut und Donnerwurz.

Die Schutzfunktion der Zauberpflanze Hauswurz reichte aber noch weiter. So sollte die Pflanzung auf dem Dach beispielsweise auch Glück bringen, die Hausbewohner vor üblem Hexenzauber bewahren oder, bei Pflanzungen auf dem Dach des Viehstalls, die Tiere vor Krankheit und Seuchen bewahren.

In Bayern war es des Weiteren lange Zeit Brauch, den Kühen vor dem ersten Austrieb auf die Weide ein Blätterdreierlei aus Eichenlaub (zum Schutz vor giftigen Blätter), Mauerraute (zum Schutz vor giftigen Kräutern) und Hauswurz (zur sicheren Rückkehr in den Heimatstall) zu geben. Ebenfalls drei mal drei Kräuter, und zwar Rùte, Schöllkraut und Hauswurz, wurden im 15. Jahrhundert zu einem Trunk gegen Gelbsucht gebraut.

 

Hauswurz, Sempervivum, Dach-Hauswurz, Sempervivum tectorum
Blütenorakel mit Sukkulenten: Die Blüte der Dach-Hauswurz (Sempervivum tectorum) wurde früher zum Wahrsagen genutzt

Von Flugsalben und Orakelblüten

Mit den Blütentrieben der Hauswurz, die mitunter bis zu 60 cm aus der ansonsten recht flachwüchsigen Staude emporragen, wurde im Mittelalter häufig gewahrsagt. Der Brauch ist höchstwahrscheinlich auf die variierende, weißlich-blassrosa Blütenfarbe der Dach-Hauswurz sowie den markanten Höhenwuchs der Blütentriebe zurück zu führen.

Eine weiße Blüte kündigte demnach einen Todesfall in der Familie an, eine rosarote Blüte ein freudiges Ereignis. Entfernen durfte man die Blüte aber auf keinen Fall, denn dann verließe das Glück die Wohnstätte.
Ein Flugsalbenrezept mit Hauswurz ist im Buch aller verbotenen Kunst von dem Hofdichter, Übersetzer und Leibarzt Herzog Albrechts III. aus dem Jahre 1465 überliefert. Darin schreibt der Gelehrte, dass zur Herstellung der Hexensalbe am Donnerstag der Jupiterbart gesammelt werden sollte.

 

Hauswurzsalbe gegen Hautbeschwerden

Ob die Hauswurzsalbe den Hexen wirklich zum „Flug“ verhalf ist fraglich. Denn eine psychedelische Wirkung, wie sie für Flugsalben zur spirituellen Geistwanderung üblich ist, konnte der Dach-Hauswurz bislang nicht nachgewiesen werden. Wohl aber ihre heilpflanzliche Wirkung im Rahmen der Wundheilung.

Die Anwendung von Sempervivum tectorum bei Hautbeschwerden ist hierbei nicht neu. Schon im Altertum verwendete man Hauswurzsaft bei Hautbeschwerden wie Entzündungen, Gürtelrose, Insektenstichen, Schwellungen, Sonnenbrand, leichten Verbrennungen sowie rissiger und trockener Haut. Zu diesem zweck kann man beispielsweise eine Hautsalbe aus

  • 100 ml Jojobaöl
  • 100 ml Olivenöl
  • 20 frischen Hauswurzblättern
  • 12 pellets Kakaobutter und
  • 8 Pellets Bienenwachs

 

herstellen. Die Blätter der Hauswurz werden dann einfach fein gehackt und gemeinsam mit dem Öl für 20 Minuten im heißen Extraktionsverfahren in einem Topf geköchelt. Anschließend filtert man das Öl und erhitzt es gemeinsam mit den Kakaobutter- und Bienenwachspellets in ein Wasserbad.

Sobald sich die Pellets vollständig im Öl aufgelöst haben, kann man die noch flüssige Salbe in einen Salbentiegel füllen. Kühl und dunkel gelagert, hält sich die Hauswurzsalbe darin einige Monate. Zu den wichtigsten Inhaltsstoffen der Hauswurzsalbe gehören dabei übrigens Sedoheptulose und antioxidative Flavonoide, wie die oben verlinkte Studie zur Wirkung der Hauswurz herausfand.

 

Hauswurz, Sempervivum, Berg-Hauswurz, Sempervivum montanum
Klassische Gebirgspflanze: die Berg-Hauswurz (Sempervivum montanum)

Hauswurz pflanzen – Standort und Boden

Sempervivum ist eine klassische Gebirgspflanze und von den europäischen Alpen und Karpaten über das Atlasgebirge in Marokko bis hin zum Kaukasus und den Bergwäldern Kleinasiens heimisch. Sie ist daher ideal für Steingartenkonzepte wie den Alpingarten. Mit Wuchshöhen bis 3000 m schlägt der Hauswurz an ihren Naturstandorten oftmals ein recht eisiger Wind entgegen. An Minusgrade -23 °C ist sie daher durchaus gewöhnt und somit völlig winterhart.

Als Mitglied der Familie der Dickblattgewächse ist die Hauswurz eng verwandt mit anderen Freilandsukkulenten wie der Rosenwurz oder dem Mauerpfeffer. Und wie für diese Sukkulenten üblich, zeigt sie sich im Garten relativ anspruchslos. Ein heller und trockener Standort genügt bereits, um die Standortanforderungen von Sempervivum zu decken.

Dabei ist es der Pflanze gleichgültig, ob die Standorttrockenheit durch ein mageres und durchlässiges Bodensubstrat (z.B. sandigen oder kiesigen Boden) oder trockene Dachziegel als Untergrund garantiert wird. Bei Substratkultur empfiehlt sich ein neutraler bis kalkhaltiger Boden zwischen 7 und 8 Punkten.

 

Pflanztipp für Sempervivum

Gerade im Steingarten unterstützt die Hauswurz wunderbar ein rustikales Ambiente. Gute Pflanzpartner sind dabei der artverwandte Mauerpfeffer, Steinbrech und Kuhschelle. Darüber hinaus kann man Sempervivum auch als Zimmerpflanze kultivieren. Hier pflanzt man die Sukkulente gerne in flachen Schalen oder Trockenschalen gemeinsam mit anderen Zimmersukkulenten wie Echeveria oder Dickblatt.

Der richtige Standort für Hauswurz:

  • helle und trockene Standorte wählen
  • durchlässiges, mageres, sandig-kiesiges Substrat
  • Boden-pH-Wert: neutral bis alkalisch, bei 7 bis 8 Punkten
  • Pflanzpartner: Mauerpfeffer, Steinbrech, Kuhschelle
  • Hauswurz ist bis -23 °C winterhart
  • Zimmerkultur in flacher Trockenschale dennoch denkbar

 

Hauswurz, Sempervivum, Echeverie, Faucaria tuberculosa, Rosenwurz, Mauerpfeffer
Gemeinschaftspflanzung aus Hauswurz, Rosenwurz, Echeveria, Faucaria und Mauerpfeffer in Keramikschale

Kultur der Hauswurz

Hauswurzen lassen sich ganzjährig im Freiland pflanzen, wobei der Frühling vor dem Austrieb besonders empfehlenswert ist. Bei einer Dachpflanzung empfiehlt es sich, den Dachstandort mit etwas Sukkulentenerde und kleineren Steinen zu versehen. Dies gibt der Hauswurz auf den Dachziegeln besseren Halt und sorgt außerdem für einen guten Wasserablauf. Der vielgerühmte Schutz vor Blitzeinschlägen rührt diesbezüglich übrigens daher, dass die Dächer dank Hauswurzpflanzung weniger feucht werden als ohne.

Im Falle einer Gartenpflanzung ist Sukkulentenerde ebenfalls eine gute Wahl. Alternativ können Sie einfach etwas Gartenerde mit Sand, Kies oder Blähton mischen. Eine leichte Kiesdrainage verbessert zusätzlich den Wasserablauf. Interessante Standorte für die Hauswurz im Garten sind beispielsweise Steingartenbeete oder auch Trockenmauern und größere Steine.

Lassen Sie bei der Pflanzung etwas Abstand zwischen einzelnen Horsten der Hauswurz. Die Sukkulenten bilden später reichlich Tochterrosetten als Ausläufer aus, die eine Länge von 5 bis 10 cm erreichen. Feuchten Sie außerdem das Substrat für ein schnelleres Anwachsen im Boden ein wenig an. Danach sind an der Hauswurz im Freiland aber weder Gießgänge noch Düngungen notwendig und natürliche Niederschläge reichen zur Bewässerung aus. In Zimmerkultur genügt es, die Pflanzen wöchentlich zu besprühen.

Kurztipps zur Kultur von Sempervivum:

  • Pflanztermin: ganzjährig oder im Frühling
  • bei Dachpflanzung etwas Füllstoff ausbringen
  • geeignet sind Sukkulentenerde und Steine
  • auch im Garten Sukkulentenerde verwenden
  • alternativ Gartenerde mit Kies, Sand oder Blähton mischen
  • Pflanzung in Beeten, auf Trockenmauern oder Steinen
  • Boden nach dem Pflanzen leicht befeuchten
  • anschließend weder Gießen noch Düngen notwendig
  • allenfalls bei Zimmerkultur gelegentlich besprühen

 

Hauswurz vermehren

Dank ihrer außergewöhnlichen Wuchsfreudigkeit bildet die Hauswurz schon nach kurzer Zeit zahlreiche Tochterrosetten aus. Diese lassen sich für eine Vermehrung durch Ableger nutzen. Trennen Sie die Tochterrosetten einfach ab und verpflanzen Sie sie an gewünschter Stelle neu.

 

Interessante Arten der Sempervivum

Die Gattung Sempervivum umfasst etwa 60 Arten sowie eine Fülle kultivarer Hybride. Dabei unterscheiden sich verschiedene Hauswurzen vor allem durch ihre Blatt- und Blütenfarben. Hier eine kleine Auswahl an guten Arten für die Freilandkultur:

  • Berg-Hauswurz (Sempervivum montanum)
    rote Blüten, sattgrüne Blätter
  • Dach-Hauswurz (Sempervivum tectorum)
    weiße bis rosa-purpurne Blüten und grüne Blätter mit rotem Rand
  • Dolomiten-Hauswurz (Sempervivum dolomiticum)
    rote bis purpurne Blüten, olivgrüne Blätter
  • Großblütige Hauswurz (Sempervivum grandiflorum)
    gelbe oder weiße Riesenblüten, grüne Blätter
  • Kalk-Hauswurz (Sempervivum calcareum)
    weiße oder rosa Blüten, kalkliebende, grüne Blätter mit roten Spitzen
  • Spinnweb-Hauswurz (Sempervivum arachnoideum)
    rosa Blüten und spinnwebartig behaarte, rot-grüne Blätter
  • Wulfen-Hauswurz (Sempervivum wulfenii)
    gelbe Blüten und lange, olivgrüne Blätter

 

Unter den Hybridsorten sind vor allem rotlaubige Hauswurzen wie ‚Blood Tip‘, ‚Crimson Velvet‘, ‚Hey Hey‘,’Red Papaver‘, ‚Red Rubin‘, ‚Red Delta‘, oder die rot-goldene ‚Bronco‘ sehr beliebt.

 

Hauswurz – Krankheiten und Schädlinge

Es sind keine nennenswerten Schadbilder für die Hauswurz bekannt. Die Pflanze zeigt sich also auch hier unverwüstlich.

 

Fazit

Die Hauswurz ist nicht nur ein hochdekorativer Bodendecker für Steingärten und Dachbepflanzungen. Darüber hinaus besitzt sie auch eine Reihe heilsamer Eigenschaften, die insbesondere zur Behandlung von Hautbeschwerden genutzt werden. In ihrer Pflege zeigt sich die heilsame Freilandsukkulente dabei so anspruchslos wie kaum ein anderes Gartengewächs. Weder benötigt sie spezielle Pflegemaßnahmen noch ein sonderlich extravagantes Substrat. Wichtig ist nur ein magerer, heller und vor allem trockener Standort.

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