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Verdauungskräuter nach Hildegard von Bingen

14 Minuten Lesezeit

Nach einer längeren Pause startet im Grünen Archiv heute die neue Blogreihe „Verdauungskräuter nach Hildegard von Bingen“. Hildegards verdauungsfördernde Lebensmittel werden hier in mehreren Beiträgen genauer beleuchtet.

Ein Muss für Fans der „Mutter aller Kräuterhexen“ und ein interessantes Nachschlagewerk, dass es im Übrigen auch als eBook zum Download gibt, und zwar mit zusätzlichen Rezepten aus Hildehards Kräuterküche.

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Kräuterwelten, Verdauungskräuter

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Das eBook „Kräuterwelten: Verdauungskräuter“ gibt es  jetzt kostenlos als Download! Mit leckeren Rezepten aus der Kräuterküche der Hildegard von Bingen.
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Kapitel 1:

Verdauungsfreundliche Ernährung nach Hildegard von Bingen

Mit Blick auf den großen Einfluss, den das Verdauungsgeschehen auf die körperliche Gesundheit nimmt, ist es umso wichtiger, den Erhalt einer gut funktionierenden Verdauung aufrecht zu erhalten und eine angemessene Nährstoff- sowie Flüssigkeitsversorgung der Verdauungsorgane sicherzustellen.

Vor allem pflanzliche Lebensmittel rücken diesbezüglich in den Vordergrund, da sie unter allen Nahrungsmitteln die meisten Vitamine und Mineralstoffe enthalten. Gleichzeitig weisen grüne Lebensmittel auch einen hohen Wassergehalt auf, was den Flüssigkeitshaushalt des Körpers nachhaltig verbessert.

Des Weiteren sind pflanzliche Lebensmittel reich an Ballaststoffen, welche vom Körper zwar nicht verwertet werden können, dafür aber die Verdauung anregen, was der Reinigung des Magen-Darm-Trakts zugutekommt.

In vielen Fällen tummeln sich in Obst, Gemüse und Co. sogar heilsame Inhaltsstoffe, die so manches pflanzliche Lebensmittel zu einer Heilpflanze mit Superfood-Qualitäten macht. Das gilt insbesondere für Blattgemüse und Beerenfrüchte. Zwei Lebensmittegruppen, bei denen der Übergang vom Lebensmittel hin zur Heilpflanze nahezu fließend verläuft.

Hildegard von Bingen war der essenzielle Beitrag einer „grünen“ Ernährung zur störungsfreien Verdauung keine Unbekannte. Kaum verwunderlich, denn sie kam schon sehr früh mit der Kultur und Zubereitung pflanzlicher Lebensmittel in Berührung.

Bis zu ihrem Eintritt als Oblatin ins rheinland-pfälzische Kloster Disibodenberg bei Odernheim am Glan verbrachte Sie ihre Kindheit auf dem elterlichen Herrenhof zu Bermersheim. Der Hof war das wirtschaftliche Zentrum der Region und dementsprechend für die Bewirtschaftung der umliegenden Felder und Weideflächen verantwortlich.

Man darf annehmen, dass Hildegard in jungen Jahren nicht nur viel Zeit in der Natur und mit der Erkundung der wilden Pflanzenwelt verbrachte, sondern zeitgleich auch vertraut war mit dem traditionellen Anbau von Nutzpflanzen sowie deren Verwendung in der Küche.

Dass ihre frühkindliche Erziehung den Weg ebnete für die Karriere einer ernährungsorientierten Heilkundigen, die ihre Behandlungsmethoden oftmals sehr gezielt auf ein gesundes Ernährungskonzept ausrichtete, erscheint vor diesem Hintergrund geradezu schicksalshaft. Allerdings entsprach dabei nicht alles, was heute als gesund gefeiert wird, auch Hildegards Vorstellungen von gesunder Ernährung.

So wurden beispielsweise diverse Nutzpflanzen, deren täglicher Verzehr in der Moderne wärmstens empfohlen ist, von Hildegard mit Blick auf den tatsächlichen Nutzen für die Gesundheit eher kritisch beäugt. Auch nahm sie starke Unterscheidungen bei individuellen Diäten für kranke Patienten vor und ließ hier gezielt vermeintlich gesunde Lebensmittel weg, die im Krankheitsfall eher hinderlich für die Genesung waren.

Im Gegenzug gehörte eine Fülle traditioneller Obst- und Gemüsesorten, derer sich heute kaum noch jemand erinnert, zur Grundausstattung der Hildegardküche. Im Großen und Ganzen decken sich Hildegards Ernährungsrichtlinien aber auffallend mit denen moderner Gesundheitsexperten und lassen auf ein umfangreiches Verständnis der Heilkundigen zur Funktionalität und Wechselwirkung pflanzlicher Inhaltsstoffe mit dem menschlichen Organismus schließen.

 

Getreide und Nüsse

Hildegard von Bingen war ohne Zweifel eine große Verfechterin von Vollkornprodukten. Der Getreideanbau ihrer Eltern, die als Gutsherren die Kornkammern der ländlichen Bevölkerung füllten, dürfte entscheidend zur Überzeugung der Heilkundigen beigetragen haben, Getreideprodukte nicht nur als pflanzliches Lebensmittel, sondern auch als medizinisch relevante Ernährungsmaßnahme zu betrachten. Dementsprechend standen Getreide und Nussfrüchte stets auf dem Speiseplan ihrer Patienten, etwa in Form von Vollkornbrot, Nudeln oder Getreidebrei.

 

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Erzeugnisse aus Vollkorngetreide und Nüssen hatten bei Hildegard einen ganz besonderen Stellenwert. | © Das Grüne Archiv

Vor allem über ihre heißgeliebten Dinkelprodukte ließ Hildegard kein schlechtes Wort kommen, war Dinkel doch mit Abstand ihr Lieblingsgetreide. Mehr als berechtigt, denn unter allen Getreidesorten gilt Dinkel als besonders gesund und unwahrscheinlich anspruchslos in Sachen Kulturbedingungen.

Dinkelkorn ist nämlich außergewöhnlich robust, was für damalige Verhältnisse ein deutlicher Pluspunkt war. Dank seiner hervorragenden Winterhärte ließ sich Dinkel selbst in den kältesten Regionen Nord- und Mitteleuropas sehr leicht anbauen und versprach so eine gute Ernte.

In Deutschland, wo zu Zeiten Hildegards gerade eine Jahrhunderte andauernde Kälteperiode zu Ende ging, dürfte der frostharte Dinkel das wichtigste Getreide gewesen sein. Das Korn war Basis für die Zubereitung zahlreicher Lebensmittel und trug in nicht geringem Maße zur Gesundheit der Menschen bei.

Denn im Dinkelkorn stecken diverse gesundheitsrelevante Qualitäten. Einerseits ist es dank seiner zarten, jedoch ballaststoffreichen Schale besonders leicht bekömmlich, was Magen und Darm entlastet. Ferner enthält Dinkel auch viele Nährstoffe und hiervon mitunter bis zu doppelt so viele wie herkömmliche Getreidesorten.

 

Dinkel, Dinkelbrot, verdauungsfreundlich, Hildegard von Bingen

„Dinkel bereitet gutes Blut, stärkt das Muskelwachstum und die Gabe des Frohsinns […]“

 

Die exklusiven Nährstoffe im Dinkel sind dafür bekannt, insbesondere die Muskeln, Knochen, Zähne und Fingernägel zu stärken. Zudem wirken sie wärmend, regen den Stoffwechsel an und fördern die Durchblutung. Eigenschaften, die im Rahmen einer krankheitsbedingten Genesungsphase mehr als wünschenswert sind.

Durch die Anregung von Stoffwechsel und Blutkreislauf können sich medikamentöse Wirkstoffe deutlich schneller im Körper verteilen, was den Heilungsprozess beschleunigt. Darüber hinaus lassen sich auch schädliche Krankheitsstoffe durch eine verbesserte Sekret- und Blutzirkulation schneller ausleiten. Dinkel dient somit auch der Stoffwechselreinigung.

Vitamine und Mineralien im Dinkelkorn pro 100 g

Eisen4,17 mg
Kalium385 mg
Kalzium38 mg
Kupfer0,62 mg
Magnesium2,90 mg
Zink3,40 mg
Vitamin B10,65 mg
Vitamin B20,23 mg

 

Ergänzend zum Dinkel setzte Hildegard von Bingen noch auf einige weitere traditionelle Getreidesorten und Pseudogetreide. Hierzu zählen insbesondere:

 

Nussfrüchte, die dem Getreide in Sachen Nährstoffgehalt oft sehr stark ähneln, bekamen von Hildegard vereinzelt ebenfalls gesundheitsfördernden Status verliehen. Als gleichermaßen muskel- und nervenstärkend wie Dinkel eingestuft wurden von ihr vor allem Mandeln und Walnüsse.

Insbesondere Mandeln versprachen außerdem bei Leberbeschwerden, Stoffwechselstörungen, Nieren- und Harnwegsinfekten gute Hilfe. Wenig Nutzen sah die Äbtissin dagegen in Haselnüssen, die ihrer Meinung nach zwar niemandem schaden würden, ansonsten aber keine nennenswerte Heilwirkung besäßen.

Wie schon beim Getreide vertraute Hildegard auch bei Nussfrüchten auf Sorten, die zu ihrer Zeit noch als traditionelle Hauptnahrungsmittel galten, heute jedoch allenfalls als beliebter Snack oder gar seltene Delikatesse betrachtet werden.

Bestes Beispiel hierfür sind Edelkastanien. Im Volksmund unter dem Namen „Maronen“ fast ausschließlich auf Weihnachtsmärkten erhältlich, wusste die Mutter aller Kräuterfrauen aus den vitaminreichen Früchten des Kastanienbaums sogar Heilmittel herzustellen.

Eine Mixtur aus 30 EL Maronenmehl und 100 g Honig empfahl Hildegard bei leichten Leberleiden, wobei über einen Zeitraum von zwei Monaten täglich mindestens 2 TL des Edelkastanienhonigs eingenommen werden sollten.

Das Maronenmehl ist hierbei nicht nur besonders reich an Vitamin C und anderen wichtigen Nährstoffen, sondern gleichzeitig auch glutenfrei, weshalb es für Zöliakie-Patienten auch eine wunderbare Alternative zum Backen bietet.

Gegen Magen-Darm-Leiden, Bauchspeicheldrüsen- sowie starke Leber- und Gallenerkrankungen verschrieb Hildegard dagegen eine Suppe aus Edelkastanien.

Die antibakteriellen Gerbstoffe, ebenso wie die antioxidativen Flavonoide der Maronen sollten hier Entzündungen des Verdauungstraktes erfolgreich lindern. Kastanieneigene Saponine wirken außerdem schleimtreibend und helfen so im Entzündungsfall, die Magen-Darm-Schleimhaut zu sanieren. Ihr Suppenrezept:

 

„Wer Magenschmerzen hat, koche die Früchte lange in Wasser, zerkleinere sie zu Brei und mische dann in einer Schüssel etwas Dinkelhabermus unter Zugabe von Süßholzpulver und etwas weniger Engelsüßwurzelpulver, koche daraus nochmals ein Mus und esse es dann, und es wird seinen Magen reinigen und ihn warm und kräftig machen“

 

Wildobst und Beerenfrüchte

Geht es um den Verzehr von Gemüse, war Hildegard bedingt durch die Zeit, in der sie lebte, vorrangig vom regionalen Fruchtangebot abhängig. Exotisches Obst wie Zitrusfrüchte oder Bananen fanden seiner Zeit nur selten ihren Weg in germanische Gefilde und wenn, waren sie äußerst kostspielig.

Zu kostspielig für ein Kloster, das bewusst auf eine minimalistische, wenn nicht gar spartanische Lebensweise setzte. Stattdessen fand in der Hildegardküche häufig Traditionsobst Verwendung, das heute (leider) kaum mehr in der Landesküche zu finden ist.

Die Rede ist von alten Obstsorten wie zum Beispiel Hagebutten, Mispeln oder Quitten. Sie alle stecken voller Vitamine und waren als einfach zu kultivierendes Wildobst einst kaum aus der heimischen Küche wegzudenken.

Verdauungskräuter, Hildegard von Bingen, Hagebutten
Heimisches Wildobst wie die Hagebutte war im Mittelalter wichtiger Bestandteil einer gesunden Ernährung. | © Das Grüne Archiv

Heute findet man Hagebutten und Co. unglücklicherweise meist nur noch als saisonale Delikatessen in versierten Restaurants oder Obsthainen traditionsbewusster Gärtner. Schade eigentlich, denn sie sind nachweislich eine zu empfehlende Nährstoffquelle bei Magen-Darm-Leiden und Durchfallerkrankungen.

Selbstverständlich setzte Hildegard von Bingen auch auf gängigere regionale Obstsorten wie Äpfel oder Birnen, deren mehlige Konsistenz abermals die Verdauung erleichtert. Das Kernobst hebt sich in diesem Punkt deutlich von vielen anderen Obstvarianten ab, die eher ein fleischiges Innenleben besitzen. Gleiches gilt für Kirschen und wenngleich Hildegard betonte, dass sie gesundheitstechnisch nicht besonders nützlich sind, gab sie doch an, dass ihr Verzehr zumindest nicht schadet.

Wichtig: Während Äpfel und Kirschen nach Hildegard von Bingen auch roh verzehrt werden können, sprach sie sich bei Birnen entschieden für eine Erhitzung der Früchte aus. Auch Hagebutten, Mispeln und Quitten sollte man vor dem Verzehr ausreichend erwärmen und ggf. mit braunem Zucker oder Honig abschmecken, da die Früchte roh relativ ungenießbar sind.

Verantwortlich für das feste und doch unwahrscheinlich mehlige Fruchtfleisch von Äpfeln, Birnen und Kirschen sind Pektine. Eine besondere Art von Mehrfachzuckern, die bis heute als natürliches Geliermittel zur Verdickung von Marmelade, Desserts und Kuchenbelag genutzt werden.

Im Vergleich zum herkömmlichen Haushaltszucker sind Pektine aber wesentlich gesünder, weil für ihre Aufspaltung im Verdauungstrakt mehr Energie benötigt wird. Dementsprechend wird die Darmtätigkeit während der Zersetzung von Pektinen zusätzlich angeregt.

Zusätzlich zum Kern- und Steinobst fielen der Kräuterkundigen Hildegard bereits damals hiesige Beerenfrüchte als Träger außergewöhnlicher Heilkraft auf. Heute weiß man, dass diese Heilkraft nicht nur dem hohen Vitamingehalt von Beeren, sondern auch deren Pflanzenfarbstoffen, den sogenannten Flavonoiden, zu verdanken ist.

Verdauungskräuter, Hildegard von Bingen, Blaubeeren, Heidelbeeren
Eines der besten heimischen, antioxidativen Lebensmittel gegen Verdauungsbeschwerden: Blaubeeren und Heidelbeeren. | © Das Grüne Archiv

Der Name der Flavonoide geht auf das lateinische Wort flavus für „gelb“ zurück, da die ersten jemals entdeckten Pflanzenfarbstoffe gelb färbende Substanzen der Färber-Eiche waren. Sie wurden in Folge zum Färben von Textilien verwendet und sind teilweise bis heute zu diesem Zweck in Gebrauch.

Nach und nach entdeckte man aber noch weitere Pflanzenfarbstoffe, die neben gelb auch orange, rot, violett, blau und grün färben. In Beeren sind diesbezüglich vor allem rot und blau bis violett färbende Flavonoide am Werk.

Medizinisch von größter Bedeutung sind blau-violett bis schwarzfärbende Flavonoide aus der Gruppe der Anthocyane, die gerade in dunklen Beerenfrüchten reichlich vorkommen.

Ihre besondere Heilwirkung liegt in einer antioxidativen, harntreibenden und entzündungshemmenden Wirkung, die vor allem von Frauen gerne zur Behandlung von Harnwegsinfekten genutzt wird. Die wichtigsten Beerenfrüchte hierfür stellen nach Hildegard von Bingen:

 

Auch bei Herz- und Gefäßerkrankungen sowie Verdauungsbeschwerden ließen sich mit Antioxidantien bislang gute Erfolge erzielen, befreien Sie den Körper doch von schädlichen Schlacken, die Stoffwechseltätigkeit, Sekret- und Blutfluss beeinträchtigen.

 

Gemüse und Salate

Zu Hildegards weiteren Allroundtalenten auf dem Gebiet der heilsamen Lebensmittel zählen auch Hülsenfrüchte aller Art. Vor allem Bohnen, die sie in Punkto Gesundheitswert den Erbsen und Kichererbsen überlegen sah, setzt sie wiederholt bei Magen-Darm- und Nierenleiden ein.

Ähnlich sah es bei einem anderen Lieblingsgemüse der Klosterfrau, dem Fenchel aus. Bis heute gilt er als eines der besten pflanzlichen Arzneimittel gegen Verdauungsprobleme und Harnwegserkrankungen, da er gleichzeitig verdauungsfördernde und harntreibende Eigenschaften besitzt und dabei so schonend wirkt, dass er selbst für Kinder und Säuglinge geeignet ist.

Die dritte wichtige Gemüse-Säule in der Hildegardküche bildet das Wurzelgemüse. Dabei sind es allerdings nicht die allseits beliebten Mohrrüben, die in Hildegards Ernährungslehre den Ton angeben – Karotten wurden von der Heilkundigen zwar nicht als schädlich, aber auch nicht als besonders nützlich angesehen – sondern vielmehr weniger populäre Rüben und Knollen wie:

Sie alle tragen laut Hildegard zu einem gesunden Sekretfluss im Verdauungstrakt bei und regulieren die Verdauungsprozesse, da sie einen hohen Wassergehalt und eine Fülle wichtiger Mineralstoffe enthalten, die im Körper zur Sekretherstellung benötigt werden. Die üppigen Ballaststoffe, die in Wurzelgemüse enthalten sind, wirken ferner reinigend und stimulieren die Darmperistaltik.

Hinzu kommen in der Hildegardküche verschiedene, ebenfalls die Verdauung regulierende Blattgemüsearten. Spinat ist hier in wunderbares Allroundtalent, denn einerseits ist er reich an Wasser und liefert so große Mengen an Flüssigkeit, die für eine gute Verdauung wichtig sind.

Andererseits besitzt er viele Vitamine und Mineralien, wobei gerade das Zink im Spinat als stoffwechselanregend gilt. Ergänzend stimulieren die Ballaststoffe im Spinat die Darmperistaltik, was die Verdauungsfunktion ebenfalls stärkt.

Verdauungskräuter, Hildegard von Bingen, Spinat
Mitunter das wichtigste Blattgemüse in der Hildegardküche: Spinat | © Das Grüne Archiv

Ganz ähnlich wie mit dem Spinat sieht es auch bei Salat aus. Allerdings muss in diesem Fall nach dem Verständnis Hildegards stark zwischen einzelnen Salatsorten differenziert werden. Während sie zum milden Kopfsalat beispielsweise sogar Würztipps gab – sie schlug das Anmachen des Kopfsalats mit Knoblauch, Dill und Essig vor – schrieb sie über die als Stammgattung von Endivie, Radicchio und Chicorée geltende Wegwarte:

 

„Die Wegwarte ist warm und feucht und symbolisiert den Anstand […]

Wer sie jedoch bei sich trägt, zieht sich den Hass der anderen Menschen zu […]“

 

In der Sprache einer Geistlichen lässt sich daraus schließen, dass die Zichorie eher mit Vorsicht zu genießen und in der Küche eher sparsam zu verwenden ist. Auch Kohlgemüse betrachtete die Kräuterfrau mit gemischten Gefühlen:

„ […] Ihr Saft zu nichts nutzt. Aus ihnen entstehen Schwächezustände, weil sie schwaches Eingeweide verletzen. Nur Gesunde, die nicht sehr dick sind, können durch ihre Kräfte Kohl und Kraut verdauen. Für fette Menschen ist Kohl schädlich, weil er das Fleisch noch mehr aufschwemmt. Für Kranke ist er genauso schädlich. Als Gemüse oder mit Fleisch gekocht vermehrt Kohl die schlechten Säfte mehr als dass er sie mindert.“

Es sei aber gesagt, dass Kohlgemüse und Wegwarte nun nicht prinzipiell gesundheitsschädlich sind. Gerade im Winter stellen Kohlarten als Lagergemüse eine wichtige Nährstoffquelle dar. Um es mit dem blähenden Gemüse aber nicht zu übertreiben, sollte man mit anderem klassischen Wintergemüse wie Rüben oder Kartoffeln für ausreichende Abwechslung im Speiseplan sorgen.

 

Vorsicht bei Rohkost

Apropos Rohkost, die heute von überzeugten Anhängern als äußerst gesund gefeierte Rohkost sah von Bingen im Allgemeinen eher kritisch. Ihre aus schulmedizinischer Sicht durchaus nachvollziehbare Argumentation hierfür war, dass rohe Lebensmittel für die Verdauung einen massiven Mehraufwand bedeuten, wenn es um die Zersetzung der Nahrung geht.

Hildegard sieht die Ursache hierfür in einem kalten Magen, der wie eine kalte Herdplatte kein Essen nachträglich erwärmen kann. Es bedarf also einer wärmenden Energiezufuhr von außen, die den Magen vorab erwärmt und so den Verdauungsprozess quasi „anheizt“. Ihrer Auffassung nach ist nur ein warmer Magen dazu in der Lage, den Nahrungsbrei „weich zu kochen“.

„Wenn ein Mensch nüchtern ist, soll er zuerst eine Speise essen, die aus Früchten und Mehl zubereitet wurde, weil das Essen trocken ist und dem Menschen gesunde Kraft schenkt. Er soll auch zuerst ein warmes Essen zu sich nehmen, damit sein Magen warm wird, und kein kaltes Essen; denn wenn er zuerst ein kaltes Essen zu sich nimmt, macht er dadurch seinen Magen kalt, sodass er später kaum mehr durch warme Speisen warm werden kann. Er soll zuerst ein warmes Essen zu sich nehmen, bis sein Magen gut durchwärmt wird. Wenn er dann eine kalte Speise isst, verkraftet die Wärme, die seinen Magen durchzieht, die nachfolgende Kälte im Essen.“

Die Klosterfrau hat mit ihren Aussagen nicht ganz Unrecht. Da der Nahrungsbrei beim Verzehr von roher Kost gegenüber weich gekochten Speisen eine relativ feste Konsistenz besitzt, dauert es länger, um darin enthaltene Nahrungspartikel aufzuspalten. Der Nahrungsbrei verweilt somit länger im Magen-Darm-Trakt, wodurch sich vermehrt Verdauungsgase bilden, die dann Blähungen und Bauchschmerzen verursachen.

Rohes Getreide, wie es etwa in Müsli vorkommt, enthält außerdem hohe Mengen Phytin. Die bioaktive Pflanzensäure bindet in Getreidesorten wie Kleie große Mengen an Mineralstoffen, welche bei rohköstlicher Ernährung folglich nur unzureichend vom Körper aufgenommen werden können.

Viele Gemüsesorten bilden wiederum teils giftige Schutz- und Bitterstoffe aus, die nur durch erhöhte Hitzezufuhr neutralisiert werden können. Bestes Beispiel hierfür sind Nachtschatten- und Kürbisgewächse. Den Kürbisgewächsen ist diesbezüglich nicht nur gemeinsam, dass sie mit dem Kürbis verwandt sind.

Ihre Pflanzenteile bilden auch gleichermaßen sogenannte Cucurbitacine aus. Namensgebend ist hier die Fachbezeichnung der Kürbisgewächse, zu denen neben Kürbissen auch Zucchini, Gurken und Melonen gehören. Cucurbitacine stellen eine Untergruppe der Bitterstoffe, welche die Kürbisgewächse gegen Fressfeinde und Pilzkrankheiten schützen sollen.

Dass die Pflanzentoxine auch gegen den Fressfeind Mensch etwas auszurichten vermögen, belegen zahlreiche Lebensmittelvergiftungen mit tödlichem Verlauf, die sich in der Vergangenheit nach dem Verzehr roher Kürbisgewächse ereigneten.

Was Nachtschattengewächse anbelangt, ist insbesondere der Verzehr roher Kartoffeln nicht zu empfehlen. Das Knollengemüse, das einst mit anderen Nachtschattengewächsen wie Paprika oder Tomaten aus Amerika nach Europa kam, ist für seinen hohen Gehalt des Pflanzengiftes Solanin bekannt. Es ist in den meisten Pflanzenteilen der Solanaceae sehr stark konzentriert, weshalb die Pflanzenfamilie bis auf ihre wenigen essbaren Vertreter als besonders giftig gilt.

Wie tödlich ein Verzehr von Nachtschattengewächsen ausgehen kann, beweisen patentierte Giftpflanzen wie Belladonna oder der namensgebende Nachtschatten. Bei der Kartoffelknolle konzentriert sich das Solanin maßgeblich an den Wurzelaugen, die nach dem Keimaustrieb der Knolle entstehen, sowie an grünen Stellen unreifer Kartoffeln.

Da Solanin außerdem hitzebeständig ist, sollten grüne und keimende Kartoffeln weder roh noch gekocht verzehrt werden. Und selbst unreife Tomaten sind gefährlich. Schon 100 g enthalten hier bis zu 32 mg des giftigen Solanins, wobei 400 mg bereits zum Tode führen können. Man sollte also grundsätzlich nur reifes Nachtschattengemüse verzehren.

Eine dritte, für Hildegard von Bingen problematische Gruppe pflanzlicher Lebensmittel waren die Arten der Lauchgewächse. Mit Ausnahme des Knoblauchs, den sie zum heilsamen Knollengemüse zählte, begegnete sie Lauchgemüse wie den Zwiebeln eher mit gemischten Gefühlen. Auf keinen Fall sollten diese nach dem Rat der Kräuterkundigen roh gegessen werden, nicht einmal als fein gehackte Zutat für Salatdressings.

Auch für Menschen, die an Verdauungsbeschwerden leiden sei die Zwiebel nicht empfehlenswert. Vor allem „Magenkranken macht sie Schmerzen, da sie feucht ist.“ schreibt sie. In der Tat kann der hohe Schwefelanteil der Zwiebel bei Menschen, die ohnehin schon an einem empfindlichen Magen leiden, zu sehr schmerzhaften Blähungen bis hin zu Krämpfen und Koliken führen.

Bei gesundem Magen schien Hildegard gegen den Zwiebelverzehr jedoch keine Einwände zu haben. Mehr noch, würden gekochte Zwiebeln Menschen mit Fieber, Gicht, Herz- und Gefäßerkrankungen sogar helfen. Im Bereich der Verdauung unterstützen Zwiebeln zudem einen gesunden Appetit sowie die Speichel- und Magensekretion, was folglich der Verdauung dienlich ist. Dies abermals jedoch nur, wenn die Zwiebel zuvor ausreichend gekocht und nicht roh verzehrt wurde. Ganz anders sah es da bei den oberirdischen Pflanzenteilen des Lauchs aus, die Hildegard zu den sogenannten Küchengiften zählte.

 

Hildegards Küchengifte

Nicht nur Rohkost, auch diverse Obst- und Gemüsesorten, die nach modernem Verständnis getrost täglich konsumiert werden dürfen, waren nach Hildegards Verständnis alles andere als unbedenklich und wurden von ihr als Küchengifte behandelt.

Darunter verstand sie verschiedene pflanzliche Lebensmittel, die bei zu häufigem Konsum den Sekretfluss im Verdauungstrakt stören, ihn übermäßig verschleimen oder allergische Reaktionen und Hautausschläge befördern. Einige Beispiele für derartige pflanzliche „Küchengifte“ sind:

Tatsächlich lässt sich zumindest für Lauch belegen, dass er durch seinen hohen Schwefelanteil die Vermehrung von Leukozyten im Blut anregt. Was wiederum eine übermäßige Eiterbildung provozieren kann. Eine erhöhte Produktion von Gallensäure lässt sich wiederum nach dem Verzehr von Pflaumen beobachten, was den pH-Wert des Verdauungstraktes auf Dauer empfindlich beeinflussen kann.

Bei Erdbeeren kam Hildegards Auffassung nach erschwerend hinzu, dass die Früchte gefährlich nah am Boden wachsen. Dadurch nähmen sie vermehrt schädliche Bodengifte und Pilze auf, die in Folge die Entstehung von Allergien und Infektionen begünstigten.

Bei den Allergie befördernden Pfirsichen kann Hildegards Meinung nach nur eine besondere Vorbereitung, etwa durch Entfernung der Schale, ausreichendes Garen oder das Einlegen in Wein oder Essig die toxischen Bestandteile des Steinobstes neutralisieren.


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